Unterfinanzierte Frauenrechtsorganisationen sind ein Problem für die Wirtschaft

Unterfinanzierte Frauenrechtsorganisationen sind ein Problem für die Wirtschaft

Frauenrechtsorganisationen sind das Rückgrat im Kampf für Gleichstellung – doch sie sind dramatisch unterfinanziert. Warum das nicht nur ein Problem für den Feminismus ist, sondern auch unsere Wirtschaft ausbremst, argumentiert die Gründerin der Women*s Society Berlin. 

Dieser Beitrag erschien erstmals als Standpunkt bei Table Media am 14. Mai 2026.

Deutschland belegt im aktuellen Glass Ceiling Index von The Economist Platz 24 von 29. Der Index bewertet jährlich die Chancen von Frauen auf berufliche Gleichstellung in 29 OECD-Ländern. Das ist nur ein Beispiel, das verdeutlicht, dass wir fast 80 Jahre nach der Aufnahme des Gleichberechtigungsartikels ins Grundgesetz die Gleichstellung der Geschlechter noch nicht erreicht haben. Gemeinnützige Organisationen könnten zur Verringerung der Diskriminierung beitragen und dadurch die Wirtschaft stärken. Aber da- für brauchen sie mehr finanzielle Mittel. Dass hier gekürzt wird, ist ein Problem, wie etwa UN Women zeigt. 

Gemeinnützige Organisationen arbeiten daran, ungleiche Strukturen aufzubrechen. Die genannten Zahlen sind Symptome struktureller Ungleichheit, verwurzelt im Bildungssystem, in Investorennetzwerken und einer Gesellschaft, in der Frauen den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten. Gemeinnützige Organisationen bearbeiten das Problem auf mehreren Ebenen: Einerseits kämpfen sie unmittelbar für die Gleichstellung in der Wirtschaft, etwa durch den Einsatz für bessere Kinderbetreuung, Lohntransparenz oder die Reform von Steueranreizen wie dem Ehegattensplitting, die Frauen in ökonomische Abhängigkeit drängen. 

Andererseits bauen sie gesellschaftliche Stigmata ab und fangen die Auswirkungen ungerechter Systeme auf. Beispielsweise durch unverzichtbare Hilfe für gewaltbetroffene Frauen. All das greift ineinander. Denn nur wer ein Leben frei von Gewalt führen kann und nicht durch Rollenbilder ausgebremst wird, hat überhaupt das Fundament, um an der Wirtschaft gleichberechtigt teilzuhaben. Diese Organisationen leisten damit die Vorarbeit, ohne die sich in Vorständen, Investmentfonds und Gründungsökosystemen wenig be- wegen wird. 

Erfolgreiche Frauenrechtsarbeit zeigt Wirkung. Dass dieser Hebel funktioniert, zeigen Beispiele: Die Allbright Stiftung machte jahrelang den Handlungsdruck sichtbar, der zur gesetzlichen Frauenquote beitrug. Ergebnis laut DIW: Zehn Jahre nach Einführung stieg der Frauenanteil in Aufsichtsräten von 19,9 auf 37,5 Prozent, in Vorständen von fünf auf 20,2 Prozent. Ohne den jahrelangen Druck feministischer Netzwerke, zum Beispiel der European Women’s Lobby, die früh und kontinuierlich stärkere Transparenz- und Durchsetzungsregeln forderte, wäre auch die EU-Entgelttransparenzrichtlinie nicht zustande gekommen, die ab Juni 2026 zur Offenlegung geschlechtsspezifischer Lohnunterschiede verpflichtet. 

Von solchen Errungenschaften profitiert die gesamte Gesellschaft. 

Und sogar unsere Volkswirtschaft: Eine Schließung des Gender-Gap könnte laut McKinsey das globale Bruttoinlandsprodukt um bis zu zwölf Billionen US-Dollar steigern. 

Gleichberechtigung ist unterfinanziert. Doch aktuell bekommen NGOs nicht die finanziellen Mittel, um diese gewaltige Aufgabe zu stemmen. Sie finanzieren sich überwiegend durch Spenden und Projektförderung – beides unsicher und befristet. In Deutschland fließen erschreckende 0,42 Prozent der Stiftungsgelder in Projekte für Frauen und Mädchen. Gleichzeitig steht die öffentliche Förderung massiv unter Druck: Allein 2026 werden rund 200 Projekte des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ eingestellt. Insgesamt führt das dazu, dass Geschlechtergleichstellung eines der am schlechtesten finanzierten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ist. 

Laut UN Women fehlen jährlich rund 360 Milliarden US-Dollar, um SDG 5 bis 2030 weltweit zu erreichen. Laut OECD ist 2024 der Anteil der weltweiten Entwicklungshilfe mit Gleichstellungszielen nach einem Jahrzehnt des Wachstums erstmals wieder gesunken – von 45 Prozent auf 42 Prozent. Besonders kritisch: Davon sind lediglich vier Prozent der Gelder für Projekte reserviert, die Gleichstellung als Hauptziel verfolgen. Und nur ein Prozent der Gelder fließt explizit in Frauenrechtsorganisationen und feministische Bewegungen. 

Die Folgen sind bereits sichtbar. Laut UN Women hat mehr als ein Drittel der Frauenrechtsorganisationen weltweit Programme zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eingestellt. Über 40 Prozent mussten lebensrettende Angebote wie Schutzunterkünfte oder Rechtsberatung einschränken. „Frauenrechtsorganisationen sind das Rückgrat des Fortschritts – und doch werden sie bis an den Rand des Zusammenbruchs gedrängt“, warnt UN Women. 

Wer Gleichstellung in der Wirtschaft will, muss diejenigen finan- zieren, die diesen Wandel vorantreiben. Wenn diese Organisationen unterfinanziert bleiben, fehlt ein entscheidender Hebel, um Geschlechtergerechtigkeit – auch in der Wirtschaft – überhaupt erst möglich zu machen. Dafür muss sich zweierlei ändern: Erstens braucht es das Verständnis, dass Frauenrechte kein Frauenthema sind. Gleichstellung muss von allen gefördert werden: von der öffentlichen Hand, von Stiftungen, von Unternehmen und von der Zivilgesellschaft selbst. Zweitens braucht es mehr Bewusstsein dafür, wohin Kapital fließt. Solange 94 Prozent des Risikokapitals an Männerteams gehen und 0,42 Prozent der Stiftungsgelder an Frauenrechtsorganisationen, bilden unsere Finanzströme genau die Ungleichheit ab, die wir zu überwinden vorgeben. 

Von Anna Poeschel

Damit Gleichstellung Realität wird. Interview mit Anna Poeschel


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